Heimkino-Update: „Oh Boy“

Eigentlich wollte ich ja noch einen großen Lobgesang auf den Film „Oh Boy“ schreiben, den ich vor einigen Tagen im Heimkino gesehen habe. Schließlich hat der Film nicht nur mächtig viele Preise abgeräumt (allein 6 Trophäen beim Deutschen Filmpreis sowie Festival-Preise in München, Bratislava, Rom, Tallin und Oldenburg), sondern mir auch außerordentlich gut gefallen.

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Tom Schilling bei der Berlinale


Das besonders Spannende daran: der Film verzichtet nicht nur auf die sonst übliche Dramaturgie, er setzt sich mit Bild in Schwarz-Weiß und Ton in Mono auch angenehm von den farbenüberladenen 3D-Produktionen mit bombastischen Surround-Sound ab. So ist „Oh Boy“ ein sehr stilles Portrait einer jungen Generation Baujahr 1980/1990, in dem ohne festes Ziel einfach in den Tag hineingelebt wird.

Hauptdarsteller Tom Schilling lässt sich in seiner Rolle als Studienabbrecher Niko Fischer einfach durch den Tag treiben und trifft dabei immer wieder auf ebenso skurrile wie alltägliche Menschen. Ein neuer und aufdringlicher Nachbar (Justus von Dohnányi) stellt sich vor, Nikos Vater (Ulrich Noethen) hat spitz gekriegt, dass Sohnemann das Studium geschmissen hat, eine alte Schulkameradin (Friederike Kempter) stolpert über Nicks Weg. Alles Alltäglichkeiten, die eigentlich nicht genug Stoff für einen guten Film bieten – wäre da nicht die herausragende Darstellerleistung aller Beteiligten.

Tom Schilling ist eh über jeden Zweifel erhaben. Eine große Sprechrolle hat er nicht, aber dafür gleicht er die wenigen Worte mit einem tollen Mienenspiel wieder aus. Absolutes Highlight war für mich Justus von Donáhnyi, der bis ins kleinste Detail genau diesen Typ Mensch verkörpert, der ohne Aufforderung Nähe und vermeintliche Intimität sucht und sich letztlich auch nimmt. Schon hier habe ich vor Lachen das eine oder andere Tränchen verdrückt. Als dann noch eine süße alte Omi eines drogenvertickenden Enkels an die Tür klopft und fragt ob die Gäste vom Enkel nicht vielleicht Hunger hätten, sie könne ihnen gerne ein paar Stullen schmieren, lag ich vor Lachen am Boden. Ja, so ist die Realität.

Der Film lebt von seinen Darstellen, die den Alltagssituationen authentisches Leben einhauchen. In Summe könnte man natürlich denken, dass das alles vielleicht ein wenig drüber ist, aber wenn man genau darüber nachdenkt, dann gibt es all diese komischen Typen tatsächlich haargenau so. Das Leben ist ein Film.

Dieser Film zumindest bekommt von mir 9 von 10 Punkten.

Foto: Hausmeister

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