Serien-Rezension: „Real Humans“

Krank zuhause vergeht die Zeit dank unseres Watchever-Abos wie im Fluge. Auf meiner Watchliste befinden sich noch viele Filme und Serien, die irgendwann in einer ruhigen Minute mal angesehen werden wollen. Ruhige Minuten habe ich derzeit ja genug. Und so konnte ich 10 Stunden meines Krankseins dafür nutzen, diese hervorragende schwedische Serie zu schauen.

„Real Humans“ spielt in einer alternativen Realität. Stellt Euch vor alles ist so wie es ist, in Schweden fahren die Leute Volvos und kaufen bei IKEA. Alles sieht auf den ersten Blick ganz normal aus. Bis man dann auf einmal all diese komischen Menschen sieht, die sich auffällig bewegen und die eine ebenso auffällig makellose Haut haben. In dieser alternativen Realität gibt es sogenannte Hubots, hochentwickelte Roboter, die nur noch schwer von echten Menschen unterschieden werden können. Sie sind fest in der schwedischen Gesellschaft verankert, werden für niedere Arbeiten ebenso genutzt wie für die Altenpflege oder auch als Liebhaber.

„Real Humans“ zeigt die verschiedenen Facetten dieser Welt anhand von diversen Charakteren, die mal mehr, mal weniger gut mit Hubots zusammenleben. Da haben wir Therese, die ihren mürrischen Mann Roger verlässt und sich lieber mit ihrem gutaussehenden Hubot vergnügt. Für einen Roboter verlassen zu werden steigert bei Roger natürlich nicht die Sympathiepunkte für Hubots. Auch bei seiner Arbeit im Warenlager gerät er im Vergleich zu den unfehlbaren, immer aufmerksamen Hubots mehr und mehr ins Hintertreffen. Hans und Inger Engmann beschließen, einen Hubot für den Haushalt einzusetzen. Dabei wollten sie eigentlich nur für Ingers Vater Lennart einen neuen Hubot kaufen, der sich um den alten Herren kümmert. Lennarts alter Hubot ist zwar defekt, aber da Lennart in ihm einen Enkel-Ersatz sieht, behält er ihn heimlich, auch wenn defekte Hubots zu gefährlichen Kurzschlussreaktionen neigen. Der Sohn von Hans und Inger verliebt sich in den attraktiven Haushalts-Hubot. Ein paar düstere Typen sammeln Hundefängern ähnlich scheinbar herrenlose Hubots ein, programmieren sie um und verscherbeln sie auf dem Schwarzmarkt. Man merkt: Probleme sind vorprogrammiert. Und als wäre das nicht genug, gibt es eine kleine Gruppe von freien Hubots; Hubots also, die auf keinen Menschen hören, sondern ein eigenes Bewusstsein entwickelt haben. Sie könnten eine Gefahr für die gesamte Menschheit werden.

Die Erstausstrahlung im deutschen Fernsehen erfolgte im Frühjahr 2013 auf arte, momentan läuft sie dienstags um 22:00 Uhr auf EinsFestival. Daran merkt man schon, in welche Richtung die Serie geht. Hier geht es um komplexe Handlungsstränge und ausgefeilte Dramaturgie und weniger um Action. Kein Vergleich etwa zur US-Serie „Battlestar Galactica“, in deren Nebenhandlung auch ein Mensch versucht, den Robotern den Weg zur Herrschaft zu ebnen. Nein, hier haben wir es vielmehr mit einer Serie zu tun, die von ihrer Tonalität her der nordisch unterkühlten „Wallander“-Reihe nicht unähnlich ist, aber eben auch ein wenig Familiendrama und viele weit verzweigte Handlungsstränge bietet. Immer wieder gibt es kleine Verbindungspunkte zwischen den verschiedenen Charakteren, die aber nie auf Biegen und Brechen „right in your face“ wirken.

Für mich sehr interessant, wie detailliert das Leben mit den Hubots unter die Lupe genommen wird. Dabei geht es auch oft um moralische Fragen. Wenn etwa mehr und mehr Menschen aus dem Arbeitsprozess verdrängt werden oder wenn Frauen sich einen Hubot als Liebessklaven halten, der besser im Bett ist als der eigene Ehemann und zudem weniger Widerworte gibt. Das Meinungsbild über diese Frauen entspricht ziemlich genau dem, das es in der realen Went für Frauen gibt, die sich einen kubanischen Toy-Boy mit aus dem Urlaub nach Hause bringen. Es stellt sich immer wieder die Frage, in wie weit die Hubots mit Respekt behandelt werden müssen; schließlich bestehen ihre Gefühle nur aus mathematischen Berechnungen. Andererseits: bestehen echte menschliche Gefühle nicht auch nur aus Berechnungen? Ist der Mensch in seiner Gesamtheit nicht auch nur die Summe aus diversen chemischen Prozessen?

„Real Humans“ hat es geschafft mich in den gesamten zehn Folgen mit je 60 Minuten Laufzeit sehr gut zu unterhalten. Nie mit nervenzerreißender Spannung, aber ganz abgesehen von der durchaus glaubwürdigen und authentischen Dramatik gibt es doch immer wieder große und kleine Überraschungen, die entweder enorme Wendungen nach sich ziehen oder Dinge auf einmal in ein ganz anderes Licht setzen. Der gesamte Cast ist überdies ausgezeichnet ausgewählt. Die Quasi-Protagonistin Inger(Pia Halvorsen)  ist einerseits ein Familienmensch, dem es anfangs nicht passt, in das familiäre Gefüge nun einen Hubot einzubeziehen, andererseits ist sie eine taffe Anwältin, die sich für die Rechte von Hubots stark macht. Sten Elfström, der Darsteller des Lennart, gibt seinem Charakter mit seiner ausdrucksstarken Mimik etwas sehr bedrückendes, zeigt er doch sowohl die Einsamkeit im Alter, als auch die Freude über die kleinen Dinge, die ihm noch geblieben sind. Auch die restlichen Darsteller sind sehr gut für ihre Rollen ausgewählt worden.

Das Ende der Staffel ist meiner Meinung nach auch recht bemerkenswert. Es hat keinen gigantischen Cliffhanger wie manch andere Serie (ich sage nur „Sherlock“), sondern würde sogar als offenes Ende durchgehen, das gar nicht weiter ausgeführt werden müsste. Gäbe es da nicht die frohe Kunde, dass aufgrund des großen Erfolges bereits die zweite Staffel gedreht wird. „Real Humans“ ist eine tolle Serie, die beweist, dass sich europäische TV-Produktion und Science-Fiction nicht gegenseitig ausschließen. Was bleibt ist die Frage warum die deutschen Fernsehmacher nicht auch mal ein wenig mutiger in diese Richtung werden, anstatt seit über 30 Jahren weiterhin Rundfunkgebühren in „Das Traumschiff“ zu versenken.

Wertung: 9/10

 

Advertisements

3 Gedanken zu „Serien-Rezension: „Real Humans“

  1. Noch ein paar sehr gute Serien-Empfehlungen: Borgen, The West Wing, Game of Thrones, Boardwalk Empire, Kommissarin Lund: Das Verbrechen. Gerade Lund könnte dir als Tatort-Schauer gefallen, kommt aus Skandinavien, genau wie Borgen.

    Gefällt mir

  2. Wenn Dir REAL HUMANS gefällt, kennst Du „ALMOST HUMAN“? Von der bin ich gerade ziemlich begeistert. Es gibt ein Wiedersehen mit Karl Urban (STAR TREK, DREDD 3D,…) und einen bekannten Gesicht aus dem UK „Office“. Ich find die Serie ziemlich toll, bin aber auch totaler Fanboy von BLADE RUNNER.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s