Filmkritik „Boyhood“

Da sieht man mal wieder die Vorzüge eines kleinen, inhabergeführten Kinos: nachdem „Boyhood“ in Hannover schon wieder aus den Kinosälen (oder eher „dem Kinosaal“) verschwunden ist, lief er nun im Rahmen einer Sommeraktion für anspruchsvolles Kino im Thega in Hildesheim. So kam ich nun endlich doch noch in den Genuss dieses außergewöhnlichen Films, der von vielen Kritikern als Meisterwerk oder „DER Film im Jahr 2014“ angesehen wird.

Was diesen Film so außergewöhnlich macht, ist vor allem seine Entstehungsgeschichte. Der Film begleitet das Leben eines Jungen vom zarten Alter von sechs Jahren bis hin zum Beginn seiner Collegezeit. Anstatt wie viele andere vor ihm mit viel Make-Up oder wechselnden Darstellern die Entwicklung zu zeigen, wählte Regisseur Richard Linklater („Before Sunrise“) die offensichtlich beste, wenn auch aufwändigste Variante: er trommelte die gesamten Darsteller über 11 Jahre immer wieder zusammen, um dem Film ein weiteres Kapitel hinzufügen zu können.

Erzählt wird die sehr alltägliche Geschichte von Mason (Ellar Coltrane), seiner älteren Schwester und seiner alleinerziehenden Mutter. Mehr gibt es zu dem Film eigentlich auch schon fast gar nicht zu sagen, denn alles was wir zu sehen bekommen ist, wie Mason aufwächst und sein Leben lebt. Klar, irgendwas ist immer: mal heiratet seine Mutter einen prügelnden Alkoholiker, um später mit ihren Kindern zu flüchten und bei einer Freundin unterzukommen, aber das wirklich große Drama, das zentraler Dreh- und Angelpunkt der Handlung ist, bleibt aus. Mason gerät nicht in schlechte Gesellschaft, wird kein Opfer eines Gewaltverbrechens und kämpft nicht mit seinem Coming-Out. Der Film ist so wie das Leben: es plätschert einfach so vor sich hin. Und irgendwas ist ja immer.

So werden wir also Zeuge wie der kleine Mason das erste Mal bedächtig vor dem Kadaver eines toten Tieres sitzt, wie er in der Schule von anderen Schülern bedroht wird oder mit seinen Kumpels die ersten Erfahrungen mit Alkohol macht. Nichts außergewöhnliches, aber genau darin lag der Reiz des Filmes. Man konnte sich einfach zurücklehnen, Mason beim Erwachsenwerden zusehen, ohne dass man bei der Handlung auf trickreiche Wendungen warten musste. Auch mal ganz angenehm.

Regisseur Linklater hat uns da ein ziemlich realistisches Bild vom Erwachsenwerden gezeichnet, das weder knallhart noch romantisiert daher kommt. Viele der Szenen kennt man selbst so oder in ähnlicher Form aus der eigenen Vita.

Dass Linklater auch bei der Auswahl seiner Darsteller ein gutes Händchen bewiesen hat, zeigt sich in diversen Punkten. Zum einen ist aus Hauptdarsteller Ellar Coltrane ein ziemlich smarter Kerl geworden, der seinem Film-Vater Ethan Hawke als Teenager verblüffend ähnlich sieht. Man fragt sich fast, ob Hawke da seinen eigenen Sohn mitgebracht hat. Schiene gar nicht so abwegig, denn Masons Schwester wird von der echten Tochter von Richard Linklater gespielt. Diese erinnerte mich mcih mit jedem weiteren Jahr mehr und mehr an Michelle Rodriguez.

Dass zwischen den einzelnen Episoden sehr viel Zeit vergangen ist (der Film scheint immer im Sommer zu spielen, auch wenn diese Jahreszeit für Texas wohl auch sehr typisch ist), erkennt man am besten an den wechselnden Frisuren von Patricia Arquette, die Masons Mutter darstellt. Die verdiente sich im Film durchaus meinen Respekt: was sie für Rückschläge einstecken muss (Scheidungen, Wohnungswechsel) und dennoch ihre Karriere plus Kinder durchboxt, ist schon toll.

Nun könnte man dem Film vorwerfen, dass nicht viel passiert. Ich sehe es eher so, dass sehr viel passiert, was das Aufwachsen eines kleinen Texaners zu Beginn unseres Jahrhunderts zeigt. Und es ist im Film wie im echten Leben: manche Menschen bleiben immer an deiner Seite, während andere nur blitzlichthaft in Anekdoten vorkommen und fortan wieder vergessen sind, nie wieder auf der Bildfläche auftauchen.

Dass „Boyhood“ das Meisterwerk ist, als das er gemeinhin bezeichnet wird, lasse ich mal dahin gestellt. Mit seiner Laufzeit von 2 3/4 Stunden ist es immerhin ein Werk epischen Ausmaßes. Meiner Meinung nach hat der Film zur Mitte hin vielleicht einige Längen, aber dennoch gehört er zu der Sorte Film, die ich sicherlich irgendwann gerne noch einmal sehen will.

Fazit: 9/10

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