Review: NVIDIA Shield TV

Nachdem ich nun ein paar Wochen lang Zeit hatte, mein (oder meine) NVIDIA Shield TV auf Herz und Nieren zu testen, kommt hier ein erster Eindruck von dieser Quasi-Konsole, den ich sicherlich noch mal erweitern werde. Denn auch wenn ich schon so einiges damit gemacht habe: ganz durch bin ich mit den vielfältigen Möglichkeiten der Shield noch lange nicht.

Shield_TV

Angefangen hat alles mit einem überschwänglichen Blogbeitrag von Sascha Pallenberg. Der ist seit nunmehr 15 Jahren Tech-Blogger und kam nach dem Test des Shield TV zu dem Schluss, dass er noch nie in seinem Leben ein so tolles Gadget gesehen hat. Diesen Artikel hatte ich im Hinterkopf als NVIDIA zum Black Friday ein ganz besonderes Schmankerl bereit hielt. Anstatt der handelsüblichen 199,- € gewährte der Grafikkartenhersteller nicht nur 40,- € Rabatt auf die Konsole, sondern legte auch noch eine kostenlose Fernbedienung oben drauf. Die kostet normalerweise auch noch mal über 50,- €. Das große Lob vom “Palle” und über 90,- € Ersparnis – da hieß es dann nur noch “Zuschlagen!”.

Das Auspacken erwies sich als ähnlich unspannend wie seinerzeit beim Chromecast. Viel ist ja nicht dabei. Eine Schnellstart-Anleitung ist drin, aber eine ausführliche Bedienungsanleitung sucht man (auch online als PDF) vergebens. Zwar kann man auf der Support-Seite von NVIDIA mit vielen Mausklicks durch eine FAQ kämpfen – ein echtes Handbuch wäre mir als PDF allerdings viel lieber. Auch was die Hardware-Ausstattung angeht wurde ein wenig gespart: zwar liegen USB-Kabel bei, mit denen man Fernbedienung und Controller aufladen kann, ein Netzteil muss der Käufer allerdings schon selbst haben. Nun gut, dank allgemeiner Standards sollte inzwischen jeder Haushalt über eines oder mehrere USB-Netzteile verfügen.

Ansonsten ist die Hardware schon ganz chic. Die Shield selbst ist etwas größer als eine DIN A5-Seite, verfügt über 16 GB internen Speicher, der per MicroSD-Karte um nochmals 128 GB erweitert werden kann. Neben dem obligatorischen Netzteil- und HDMI-Anschluss verfügt das Gerät auch zwei USB-Steckplätze. Hier lassen sich entweder die Akkus der Controller aufladen, weitere USB-Sticks zur Speichererweiterung oder bei Bedarf eine Maus oder Tastatur anschließen.

Shield_RemoteDie Konsole macht mit der coolen Beleuchtung im typischen NVIDIA-grün schon was her. Hinzu kommt das Material, das zwar Plastik ist, aber teilweise an gebürstetes Aluminium erinnert. Bei Aluminium sind wir dann schon bei dem sicherlich hochwertigsten Stück Hardware: der Fernbedienung. Auch wenn 50,- € natürlich viel Geld sind: die ist einfach nur chic, denn wirklich aus gebürstetem Aluminium verarbeitet und liegt gut in der Hand, macht einen wertigen Eindruck, der dem Preis tatsächlich gerecht wird. Besonderes Highlight: die Lautstärke lässt sich wie auf einem Touchscreen regulieren, einfach in dem man auf der unteren Hälfte mit dem Finger rauf- oder runter wischt.

 

Shield_ControllerDer Game-Controller an sich ist auch okay. Er ist komplett aus Plastik, liegt ganz gut in der Hand und ist auch für längere Zocker-Sessions geeignet. In einigen Berichten konnte ich lesen, dass der Controller schwerer sei als die Pendants von XBOX One und PS4. In Ermangelung eines Vergleichs kann ich nur sagen: ich find’s noch okay. Er verfügt über ein digitales und zwei analoge Steuerkreuze, rechts die konsolen-üblichen vier Knöpfe und ebenso die üblichen vier Schultertasten an der Vorderseite des Controllers.

Ein Feature, das ich sehr durchdacht finde: ebenso wie die Fernbedienung verfügt auch der Controller über einen Kopfhörerausgang. So kann man also direkt an den Controller einen Kopfhörer anschließen und muss nicht umständlich den bisher üblichen Umweg über den Fernseher bzw. die Stereo-Anlage machen. Das kommt dem Komfort natürlich sehr zugute.

Kaum angeschlossen erwies sich mein Ärger über eine fehlende Anleitung als überflüssig: das Anmelden von Controller und Fernbedienung am Gerät sind kinderleicht und auch die Bedienung an sich ist sehr intuitiv. Einmal mit seinem Google-Konto eingeloggt, ist man auch schon bereit für die Nutzung im vollen Umfang. Um das Gerät der Frau des Hauses zu erklären reichte auch ein “Fernseher auf den Kanal stellen, da anschalten. Naja… Und dann siehste ja. Da haste alles auf einen Blick”.

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Einfache Bedienung, alles Wichtige auf einen Blick auf dem Hauptscreen

Kommen wir mal zu den einzelnen Features:

Videostreaming

Das Shield basiert auf dem Betriebssystem Android TV und ist natürlich wie gemacht für die Wiedergabe von Video-Inhalten. YouTube, Netflix und sogar Plex sind auf dem Gerät vorinstalliert, laufen absolut flüssig und sehr benutzerfreundlich. YouTube-Videos lassen sich auch über die Spracheingabe suchen (“Zeige mir den Trailer von Das Erwachen der Macht”). Begeistert war ich davon, wie schnell die Videos starten. Während das Bereitstellen von Videos beim Chromecast gerne mal 5-10 Sekunden dauert (Netflix) oder zu Beginn eines Videos oftmals noch Ruckler zu vermelden sind (YouTube), legt Netflix auf dem Shield nach 1-2 Sekunden los. YouTube-Videos laufen von Beginn an flüssig. Netflix- und YouTube-Videos werden von der Shield auch in 4k-Qualität übertragen. Mit Fernbedienung und Controller lässt sich in allen Anwendungen gut durch die Filme navigieren. Netflix ist noch etwas komfortabler als YouTube: hier reicht ein kurzer Druck auf die „Rechts“-Taste, um jeweils 10 Sekunden vorzuspringen. Wer richtig „spulen“ will, kann sich anhand eines kleinen Vorschaufensters gut orientieren. Da gibt es schon mal nichts zu meckern. Zusätzlich zu den vorinstallieren Apps habe ich mir noch das weithin bekannte KODI (ehemals XBMC) installiert, so dass ich nun auch fix Zugriff auf die Filme meiner Netzwerk-Festplatte und diverse Mediatheken-Plugins habe.

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Diverse Mediatheken- und Videostream-Apps

Und wer unbedingt Videostreams per Smartphoone oder Tablet auf den Fernseher schubsen möchte: die Shield-Konsole wird auch als Chromecast-Gerät erkannt und funktioniert dann genauso wie der Stick von Google.

Android-Games

Der Game-Controller lässt natürlich schon erahnen, dass es sich bei dem Shield nicht nur um ein Gerät zur Medienwiedergabe handelt. Für meinen Bedarf ersetzt das Teil auch eine Spielkonsole. Zum einen lassen sich (angepasste) Android-Spiele darauf spielen. Gerade bei Rennspielen, Egoshootern und Jump’n’Runs ist es ein echter Gewinn, einen Controller in der Hand zu haben und nicht nur auf dem Display seines Handys herumwischen zu müssen. Dass NVIDIA dem Shield einen ordentlichen Chipsatz spendiert hat, der in Benchmarks fast dreimal so schnell abschneidet wie beispielsweise das Samsung S6, merkt man sofort. Auch aufwändige 3D-Spiele laufen hochaufgelöst absolut ruckfrei.

Spiele bietet der Google Play Store zuhauf, wobei ich einschränken muss, dass natürlich nicht alle Android-Games, die auf einem Handy laufen, auch auf der Shield funktionieren können. Aber wie sich etwa ein “Candy Crush” mit einem Gamepad steuern lassen soll, will ich mir lieber nicht vorstellen. Schon verständlich, dass im Google Play Store auf der Shield nur Spiele angezeigt werden, die auch mit einem Gamepad anständig gespielt werden können. Das Angebot an kostenlosen Spielen ist schon ganz okay, ansonsten gibt es noch so einige aufwändigere Spiele wie etwa eine angepasste Version von “Half Life 2”, die maximal etwa 15,- € kosten. Im Gegensatz zu “echten” Konsolenspielen finde ich das sehr im Rahmen.

Ein erstes Spiel habe ich mir natürlich auch schon gekauft: “Reckless Racing 3” für knapp über 2,- €. Schon sehr cool das Spiel auf dem großen Fernseher zu zocken, das ich bisher nur auf dem Tablet kannte.

Android-Games auf dem Fernseher zocken

Android-Games auf dem Fernseher zocken

Zwar lassen sich abseits des Google Play Stores auch Apps per APK auf dem Shield installieren, nur sind die Programme dann oftmals nicht komplatibel. Das bekannte “Temple Run”, das auf dem Smartphone per Wisch-Gesten gespielt wird, reagiert wie viele andere Spiele beispielsweise nicht auf den Controller. Bei der Amazon Video-App kann man zwar mit dem Controller durch das Filmangebot scrollen; abspielen mag das Programm dann aber doch nichts. Es lebe DRM… (Update: inzwischen soll es für Amazon Instant Video einen Workaround geben, den ich jedoch noch nicht zum Laufen bekommen habe).

Game-Streaming vom PC

Ein guter Grund für eine Shield ist die Möglichkeit Spiele vom heimischen PC aus dem Arbeitszimmer direkt auf den Fernseher im Wohnzimmer zu streamen. Voraussetzung dafür ist eine GeForce-Grafikkarte, die minimal eine GeForce 650 sein sollte. Mit älteren Grafikkarten und Karten anderer Hersteller funktioniert das nicht. Die Einrichtung am PC ist kinderleicht: mit dem Grafikkartentreiber wird auch das Programm GeForce Experience installiert, das automatisch nach verfügbaren Titeln auf dem Rechner sucht, die man ans Shield streamen kann. Ist der Rechner an, sieht man auf der Shield die verfügbaren Spiele und kann sofort losdaddeln. Aus Performancegründen ist es aber nicht möglich, auf PC und Shield zeitgleich zwei Spiele zu spielen.

Klingt gut. In der Praxis hatte ich hier aber bisher ein paar Probleme. Zum einen lässt sich (ebenso wie bei den Androind-Spielen) nicht jedes Spiel so auf den Fernseher beamen. Die Spiele müssen vorab für diese Nutzung vorbereitet sein, damit sie sich auch mit einem Gamepad spielen lassen. Eine Übersicht über alle verfügbaren Titel gibt es hier. Bisher habe ich nur ein einziges Spiel getestet, das dann auch entschieden langsamer lief als beim direkten Start auf dem PC. Bei diesem einen Titel handelt es sich um “Just Cause 3”, das erst seit wenigen Tagen auf dem Markt ist. Ich mag also nicht ausschließen, dass hier noch nachgebessert wird bzw. ich das schlechteste Spiel für einen solchen Test gewählt habe. Fest steht: das Thema bekommt noch einen eigenen Blogbeitrag, sobald ich ein wenig ausführlicher experimentieren konnte. (Update: inzwischen habe ich diverse Spiele angetestet, die reibungslos funktionierten, beispielsweise „LEGO Star Wars“)

Game-Streaming mit GeForce Now

Diese Eigenschaft ist das absolute Killer-Feature und allein schon fast das Geld wert. Um es mal krass auszudrücken: mit GeForce Now verwandelt sich diese 200,- € Konsole in eine Spielemaschine, die es mit jedem hochgezüchteten 2.000,- €-Gaming-PC aufnehmen kann.

Mit GeForce Now bietet NVIDIA die Möglichkeit, PC-Spiele direkt “aus der Cloud” heraus zu spielen. Heißt im Klartext: Die Shield-Konsole stellt die Verbindung zu einer Serverfarm in Frankfurt am Main her. Dort stehen derzeit über 50 PC-Spiele bereit, die der Nutzer quasi direkt ohne weitere Installationen per Stream abrufen kann. Die Serverfarm schickt das Video und Ton des Spieles zurück auf die Shield, ähnlich wie auch Netflix, YouTube & Co. Von der Shield aus werden die Befehle des Gamepads an die Serverfarm übermittelt. Ohne selbst einen PC haben zu müssen, ist es somit nicht nur möglich diese Spiele zuhause zu spielen. Nein, das auch noch in der höchsten Grafikauflösung, mit maximalen Grafikoptionen.

Ich war anfangs sehr skeptisch ob das wirklich funktioniert, denn als Voraussetzung sollte schon eine gute DSL-Verbindung bestehen und die Shield-Konsole im heimischen Netzwerk möglichst nicht nur per WLAN, sondern per Ethernet-Kabel verbunden sein. Ich habe mir gedacht “Okay, wenn das nicht funktioniert kannst du immerhin die eigenen PC-Spiele zuhause streamen und Android-Games zocken.”

Aber der Dienst lief bei mir bisher einwandfrei! Die Spiele laufen bei mir allesamt in 1080p-Auflösung mit maximalen Grafikdetails. Auch bei Rennspielen, bei denen die Landschaft nur so an einem vorbei rauscht, kommt es nur ganz selten dazu, dass mal für einen Sekundenbruchteil ein Ruckeln zu sehen ist. Auswirkungen auf den Spielgenuss hat das nicht. Ebenso erweist sich die Steuerung bisher als sehr genau. Eine Latenz habe ich nicht wahrnehmen können. Mit meiner 50MBit-Leitung komme ich also locker in den Genuss von GeForce Now, selbst wenn nebenbei noch ein Netflix-Stream läuft. Der Spielfluss ist auch nicht abgerissen als ich über die gleiche DSL-Leitung zeitgleich einen großen Download angestoßen hatte. Sollte die aktuelle Bandbreite nicht ausreichen, regelt Shield die Auflösung herunter, so dass der Spielfluss nicht gestört wird. Gesehen habe ich von einer geringeren Auflösung jedoch nichts.

Natürlich hat dieser Dienst auch seinen Preis: nachdem NVIDIA einem das erste Vierteljahr (!) schenkt, kostet der Dienst 9,90 € im Monat. Geboten werden dafür derzeit etwa 50 Spiele, die zwar alle keine aktuellen A-Titel sind, aber dennoch keine Unbekannten. Neben Spielen wie “Batman: Arkham Knight”, “The Witcher 2” und “Devil May Cry 4” gibt es diverse LEGO-Jump’n’Runs inklusive. NVIDIA will das Angebot in der kommenden Zeit weiter ausbauen. (Update: inzwischen kommen alle paar Wochen weitere Titel hinzu, ähnlich wie man es aber auch von Videostreaming-Anbietern kennt, kann es durchaus vorkommen, dass Titel wieder aus dem Angebot genommen werden und dann richtig gekauft werden müssen. Ist natürlich suboptimal wenn man in einem Spiel schon ziemlich weit ist und es dann aus dem Flatrate-Angebot genommen wird. Kann ich persönlich aber durchaus mit leben.)

Die Rennspiel-Abteilung bei GeForce Now

Die Rennspiel-Abteilung bei GeForce Now

Außerdem gibt es die Möglichkeit einige aktuelle Titel für den handelsüblichen Vollpreis zu kaufen (“The Witcher 3” etwa für 59,- €). Für den einen oder anderen ist dieser Vertriebsweg dann sicherlich günstiger als der Erwerb eines PCs, auf dem das Spiel auch anständig läuft. Wer selbst einen guten PC sein Eigen nennt, bekommt beim Kauf meist auch einen Steam-Code, um das Spiel dann auch lokal zu installieren.

Meine anfängliche Skepsis ist gewichen. Game-Streaming aus der Cloud rockt richtig.

Bei meinen Recherchen vor dem Kauf bin ich zwar darüber gestolpert, dass einige Leute Probleme hatten sich mit den Geforce-Now-Servern zu verbinden, weil diese überlastet waren. Nach über einem Monat kann ich das aber nicht bestätigen. Ich musste mich nur alle paar Tage mal für ein, zwei Minuten in eine virtuelle Warteschlange einreihen, bevor ich losspielen konnte. Das ist durchaus verschmerzbar.

Twitch

Als kleines Schmankerl für alle „Lets-Player“ gibt es auch eine sehr tolle Integration des Streaming-Dienstes Twitch. Hat man seinen Twitch-Account eingerichtet, kann man aus jedem Spiel heraus durch langes Drücken auf die „Home“-Taste des Controllers mit dem Streamen beginnen. Ebenso gibt es in dem Menü die Möglichkeit, sowohl einen Screenshot zu machen als auch das momentane Spielgeschehen zu filmen. Ist für mich persönlich jetzt eher uninteressant, aber doch ein nettes Gimmick für den einen oder anderen.

Ein kleines Screenshot, direkt aus einem Spiel heraus

Ein kleines Screenshot, direkt aus einem Spiel heraus

Erstes Fazit: der Kauf hat sich definitiv gelohnt! Vermutlich falle ich auch zu 100 % in die Zielgruppe: ich schaue gerne Videos per Stream, würde gerne mal nebenbei ein wenig daddeln, ohne mir gleich eine weitaus teurere Konsole kaufen zu wollen und bin nicht unbedingt erpicht darauf, immer die aktuellsten PC-Games spielen zu müssen. Zudem habe ich selten die Zeit (oder will mir die Zeit selten nehmen), mich ganz intensiv mit einem Spiel zu beschäftigen. Kurzum: ich bin kein Hardcore-, sondern ein Casual-Gamer. Von daher kann ich in dem aktuellen Angebot von GeForce Now ebenso herumwildern wie in der großen Bandbreite an Android-Spielen, die vielleicht eher was für zwischendurch sind. Die intuitive und durchweg flüssige Bedienung tun ihr übriges, dass ich nun ebenso begeistert von der Shield bin wie der Herr Pallenberg.

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